Fallbeispiel

Daniel erlitt im Alter von 22 Jahren aufgrund eines zuvor nicht bekannten Diabetes ein ketoazidotisches Koma, das in seinem Verlauf zur Reanimation und dabei zu einer hypoxischen Hirnschädigung führte. Als er fast auf den Tag genau ein Jahr später, nach umfangreicher neurologischer Untersuchung und Behandlung in das Haus Königsborn verlegt wird, gilt er als austherapiert und als Patient im Vollbild des apallischen Syndroms. Seine Pupillenbewegungen, die zu keiner Fixierung kommen, legen den Verdacht des Verlustes visueller Fähigkeiten nahe. Tetraplegisch, scheinbar unfähig zu irgendeiner verbalen oder non-verbalen Kommunikation und in Pflege und Therapie fremdbestimmt scheint er dem Krankheitsbild voll zu entsprechen. In dem vorliegenden Gutachten heißt es, dass „die höheren kortikalen Funktionen vollständig erloschen sind“ und bei Daniel „nicht mehr mit einer Reversibilität des derzeitigen Zustands zu rechnen“ sei.

 

Daniel wird durch eine Magensonde ernährt, wobei seine Blutzuckerwerte nach wie vor unvorhersehbare Veränderungen zeigen. Sein Körper reagiert immer wieder aus unerklärlichen Gründen mit Fieberschüben. Atmung, Blutdruck und Puls bleiben in der Regel im Normbereich. Daniel ist in allen Aktivitäten seines täglichen Lebens vollständig auf Hilfe angewiesen. Seine Stimme, mit der er Laute hervorbringt, die als ‚unartikuliertes Schreien’ oder als ‚Krakeelen’ bezeichnet werden, ist das Einzige, was ihm geblieben ist.

 

Als er erstmals zur Musiktherapie kommt lautiert er ununterbrochen. Ich gehe auf diese Laute ein, spiegel sie mit meiner Stimme, dem Klavier oder einem anderen Instrument wider und hoffe, dass Daniel irgendwann diese Musik wahrnehmen wird als eine, die nicht aus dem Radio, Fernsehen oder vom CD-Player kommt, sondern von einem anderen Menschen für ihn improvisiert, und durch ihn selbst und sein Tun bestimmt wird.

 

In den ersten Sitzungen lautiert Daniel immer wieder, was zunächst auf sich allein bezogen und isoliert zu sein scheint. Der Versuch, seine Aufmerksamkeit durch Aufgreifen und Widerspiegeln seiner Tonhöhen auf sein eigenes Tun zu lenken zeigt zunächst keinen objektiv erkennbaren Erfolg. Dann jedoch wird eine beginnende Ausrichtung der Frequenz (Tonhöhe) an den Grundtönen der begleitenden Klaviermusik erkennbar.

 

Wird stufenweise in eine andere Tonart moduliert, ändert Daniel entsprechend die Tonhöhe seiner Lautierung. Was zunächst als eher zufällig erscheint, lässt nach und nach immer mehr den Gedanken aufkommen an eine eventuelle Wahrnehmung von Klang und der Fähigkeit zu einer körperlichen Orientierung, die Daniel die Möglichkeit bietet, einen Teil des eigenen Körpers, nämlich die eigene Stimme, adäquat in ihrer Tonhöhe zu verändern und einzusetzen.

 

Allein diese Reaktionen würden bereits eine basale Wahrnehmungs- und Orientierungsebene zeigen: Daniels Fähigkeit Töne zu hören und seine Stimme in ihrer Frequenz auf die der gehörten Tonhöhe einzustellen. Es war in diesen Sitzungen aber noch nicht sicher, ob er hier bewusst handelte, ob er diese Fähigkeit im Sinne eines kommunikativen, dialogischen Tuns einsetzte. Ein dialogisches Geschehen würde in seiner Dualität die Abgrenzung des eigenen Tuns im Erleben des Ich von dem Tun eines anderen, eines Du und damit das Erkennen einer von Kommunikation geprägten Begegnungsebene bedeuten. Wenn dies geschehen würde, wäre hier der Ansatz eines Bewusstsein im Sinne eines bewussten Seins zu erkennen.

 

Ich konnte Daniel durch mein Improvisieren nur die Musik als Mittler zwischen ihm und mir, als Ebene, auf der er mir als einem Teil seiner Außenwelt begegnen könnte, anbieten. Ob und wann das geschehen würde, bestimmte er selbst.

 

Grundvoraussetzung für dieses Geschehen war das von mir ihm zugesprochene Potential, sich über die Grenzen seiner Krankheitsdefinition hinaus entwickeln zu können. Diese Annahme entspricht nicht nur meinem musiktherapeutischen Ansatz, der auf die Schöpferische Musiktherapie von Paul Nordoff und Clive Robbins zurückgeht, sondern auch dem Konzept unserer Einrichtung. Zu diesen Grundlagen gehört die Überzeugung, dass jeder Mensch ein einzigartiges Wesen ist, dessen Selbst-Bewusstsein unantastbar und grenzenlos ist und das über die Fähigkeit verfügt, seine individuelle Persönlichkeit zu entwickeln. Auch der Zustand schwerer Bewusstseinsbeeinträchtigung setzt für eine solche Entwicklungsmöglichkeit und Begegnung keine Grenzen.

 

Zwanzig Monate nach seinem Akutereignis hole ich Daniel von seinem Wohnbereich zu unserer 30. Sitzung, sie findet im Musiktherapieraum statt, ab. Bevor ich ihn sehe höre ich ihn schon sehr laut lautieren, wobei seine Stimme in ihrem Ausdruck an Weinen und Jammern, Klage und Verzweiflung erinnert. Auf dem Weg und bei der Begrüßung zu Beginn der Sitzung ändert sich nichts daran. Deshalb versuche ich, mich ganz auf ihn und seine Stimmung einzulassen und ihm durch eigene Lautierung a cappella (ohne Instrumentalbegleitung) zu begegnen. Die Analyse des durch Tonbandaufnahme protokollierten Geschehens zeigt, dass sich beide Stimmen in Tonraum und Klangabfolge immer mehr annähern, alternierend Bezug zueinander aufnehmen und sich ergänzen, Daniels Stimmgebung sich dabei deutlich entspannt und wir schließlich gemeinsam zu einem Ende kommen, dem über 25 Sekunden Stille folgt.

 

Der Verdacht liegt nahe, dass Daniels Tun hier nicht auf einem Reiz-Reaktions-Schema basiert, sondern ein aktives sich Einlassen auf eine Begegnung ist. Das würde allerdings voraussetzen, dass er sich als Person von einer anderen unterscheiden kann, dass er seine Individualität erkennt, seine Handlungen gezielt vornimmt und damit zu dem kommt, was menschliches Handeln als ein solches bestimmt, die Definition seines Krankheitsbildes aber ad absurdum führt: zur Intentionalität. Damit diese nicht nur als Interpretation und therapeutisches Wunschdenken bezeichnet, sondern nach außen hin objektiv erkennbar werden könnte, müsste Daniel von sich aus innerhalb einer Improvisation Elemente so verändern, dass sich dadurch eine adäquate situationsbezogene Gestaltung ergibt.

 

Obwohl Daniel in den folgenden zwei Jahren durch die oben genannten vegetativen Entgleisungen immer wieder beeinträchtigt wurde, konnte in mehreren und zunehmend häufigeren Sitzungen genau dieses Tun beobachtet werden. Anhand einer Sitzung soll eine solche Situation exemplarisch dargestellt werden:

 

Viereinhalb Jahre nach dem Akutereignis, wir haben inzwischen ca. 130 Sitzungen gemeinsam verbracht, wird Daniel von mir in seinem Rollstuhl in den Musiktherapieraum abgeholt. Er hat seine Augen geöffnet, wobei er in Kopf- und Blickrichtung nach rechts ausgerichtet ist.

 

Nach der Begrüßung setze ich mich an seine rechte Seite und spiele eine Djembe. Daniel macht von Beginn der Sitzung an hin und wieder Mundbewegungen im Sinne von Kaubewegungen, die als pathologische Bewegungen zu seinem Krankheitsbild gehören und in der Neurologie als Primitivbewegungen bezeichnet werden. Ich greife diese auf, indem ich eine Melodie lautiere, die sich im Tempo ihrer Tonbewegung an ihnen ausrichtet.

 

Nach vier Takten ist die Melodie zum ersten mal beendet. Damit parallel hören Daniels Mundbewegungen auf. Nach einigen Sekunden Pause, in denen ich ohne Lautierung, nur einige Klänge auf der Djembe anbietend warte, setzen die Mundbewegungen wieder ein.

 

Ich beginne erneut mit der Melodie, wobei ich sie diesmal um weitere sechs Takte verlängere. Sinn ist, zu erkennen, ob es sich beim zeitlichen Ablauf der Mundbewegungen um eine eigenständige Periodizität handelt, die zeitlich zufällig mit der Dauer der Melodie überein stimmt und von mir unbewusst übernommen wurde oder ob tatsächlich ein Zusammenhang mit der erklingenden Musik erkennbar wird.

 

Sich scheinbar sträubend, jedenfalls erkennbar mit Mühe und mehrfachem Herunterschlucken des durch die Bewegung produzierten Speichels verbunden, setzt Daniel die Mundbewegungen nicht nur fort, sondern verlängert sie entsprechend der Melodie und beendet sie erst mit deren Abschluss.

 

Dass es sich hier nicht um ein zufälliges oder reflektorisches Angleichen, sondern um ein klares Erkennen dieser Wechselbeziehung zwischen seinem Tun und der von mir improvisierten Melodie und um ein Erkennen der eigenen Einflussmöglichkeit auf unser gemeinsames Tun handelt, beweist Daniel wenige Minuten später. Wieder improvisiere ich zu seinen Mundbewegungen eine ähnliche, etwas modifizierte Melodie. Einen Takt vor dem zu erwartenden Ende der Melodie beendet Daniel seine Mundbewegungen – entsprechend wird von mir die Melodie unterbrochen. Die musikalische Spannung der unaufgelösten Kadenz steht im Raum.

 

Sie entlädt sich in einem Grinsen bei Daniel und einem gemeinsamen Lachen. Er, der in seinem jetzigen Leben nahezu 24 Stunden am Tag fremdbestimmt wird, in vielen, möglicherweise in allen Bereichen auf Hilfe und Zuwendung anderer angewiesen ist und der über kein sprachliches Kommunikationspotential im Sinne eines eigenen verbalen Ausdrucks verfügt, hat in der Situation des gemeinsamen Musizierens die Möglichkeit gefunden, nicht nur an seiner Umwelt passiv teilzunehmen, sondern diese aktiv mitzugestalten und ihr kommunikativ zu begegnen.

 

Indem er das tut zeigt er ein Erkennen der Situation, der eigenen Potentiale der Körperwahrnehmung und der gezielten Steuerung von Bewegung. Hier wird seine Wahrnehmung des zeitlichen Ablaufs der Musik und sein Erkennen der Situation als kommunikatives, dialogisches Geschehen deutlich. Dieses Erkennen entspricht Elementen der situativen, körperlichen und zeitlichen Orientierung. Sein Tun als solches ist von seiner Intentionalität, seinem Willen zur aktiven Beteiligung geprägt, einer Eigenschaft, die, wie oben gesagt wurde, zum urmenschlichem Sein gehört und die ohne kortikales Geschehen nicht möglich wäre.

 

Die hier beschriebenen Reaktionsweisen von Daniel, die auch in vielen weiteren Sitzungen zu beobachten waren, sind Beispiele für existente Wahrnehmungs- und Orientierungsebenen. Dabei geht es nicht um reflektorische Reaktion auf Wahrnehmung im Sinne eines primitiven Reiz-Reaktionsschemas. Sie sind vielmehr Ausdruck einer gezielten Reaktion auf Wahrnehmung, eines Erkennens der Außenwelt, Spiegelbild eines Bewusstseins, das sich aufgrund der Definitionen des Krankheitsbildes in seiner Existenz selbst beweisen muss.

 

Daniel und seine Mitbewohner sind darauf angewiesen, dass wir die Existenz ihres Bewusstseins in unserer Vorstellung zulassen und nicht aufgrund erkennbarer Einschränkungen und eigener Unwissenheit leugnen. Erst dann werden solche Ereignisse möglich und zu Begegnungen mit Menschen, deren Lebenswelt auch im Zeitalter modernster Medizintechnik noch weitgehend unerforscht ist.

 

Dann werden ihre Reaktionen zu Klängen der Seele im Sinne eines

 

sono ergo sum – Ich klinge, also bin ich!