Musiktherapeutischer Ansatz

„Ich bin Leben, das Leben will, inmitten von Leben,das leben will.“ (Albert Schweitzer)

 

„Der erlebende Mensch ist nicht nur eine Ansammlung von Hirnaktivitäten, sondern ein verkörperter Geist in aktiver Auseinandersetzung mit einer Umgebung, eine Ökologie von Ereignissen und Ideen, die wir als Bewusstsein bezeichnen“ (Aldridge).

 

In meinem musiktherapeutischen Ansatz gehe ich von einem Menschenbild aus, das in Anlehnung an die humanistische Psychologie jedem Menschen, also auch einem Menschen mit schweren Schädel-Hirnbeeinträchtigungen, wie dem Menschen im Wachkoma, das Potential eines Bewusstseins zuerkennt und ihn als ein Wesen betrachtet, das jederzeit, auch im Zustand schwerer Bewusstseinseinschränkung, die Möglichkeit zur Entwicklung besitzt.

 

Bei Menschen im Wachkoma sind eine Reihe von Regungen zu beobachten (Atmung, Öffnen und Schließen der Augen, Lidschlag, Bewegungen von Augenbrauen, Pupillen, Mund, Zunge sowie Beugebewegungen einzelner oder komplexer Gliedmaßen). Es stellt sich die Frage nach der Bedeutung einzelner erkennbarer Veränderungen, die von einem Beobachter oft als Reaktionen empfunden werden. Diese zunächst rein subjektiven Empfindungen gilt es zu objektivieren.

 

Während meiner musiktherapeutischen Arbeit erlebe ich solche Regungen und Veränderungen des Körperausdrucks in enger Verbindung mit der (grundsätzlich improvisierten) Musik. In den Improvisationen, in denen ich meine Stimme und/oder verschiedene Instrumente so einsetze, dass ich erkennbare Regungen nicht nur widerspiegel sondern mich von diesen leiten lasse, können Regungen zu Reaktionen werden, in denen Qualitäten der Wahrnehmung, Orientierung und Intentionalität und somit kognitive Prozesse objektivierbar sind.

 

Abzugrenzen sind hier Regungen, die nach dem Reiz im Sinne eines reflexorientierten Reiz-Reaktions-Schemas auftreten. Vielmehr wird der Begriff Reaktion in einem von seinem lateinischen Ursprung abgeleiteten Sinn verstanden, als eine Aktivität, die als Antwort (Re-) auf eine andere Aktion ausgeführt wird. Sie kann reflexartig sein, aber sie kann auch willentlich durchgeführt werden und somit rationalen Ursprungs sein.

 

Für die Unterscheidung von Reflexen und Reaktionen sind sowohl situative als auch zeitliche Bezüge von Bedeutung. Ist eine Reaktion rationalen Ursprungs, ist sie intendiert und Ausdruck eines kognitiven Potentials. Kognitives Potential aber wird von Medizin, Neurophysiologie und Neuropsychologie als Grundlage für die Existenz des Bewusstseins vorausgesetzt.

 

Nicht das äußere Erscheinungsbild einer Bewegung oder einer Veränderung körperlicher Parameter gibt Auskunft über ihre Qualität, sondern der situative und zeitliche Zusammenhang, in dem diese zu beobachten sind. Dabei ist nicht die Exaktheit der Gleichzeitigkeit der Bewegung ausschlaggebend im Sinne einer Chronologie der Ereignisse. Ausschlaggebend ist die offensichtliche Entscheidung, sich zu diesem Augenblick zu bewegen im Sinne der Unterscheidung von chronos und kairos, die Aldridge immer wieder anmahnt: chronos als die gemessene Zeit und kairos im Sinne einer Zeit des richtigen Augenblicks einer angemessenen und intentionalen Aktion als Reaktion.

 

Auf dieser Grundlage kann jede erkennbare Regung des Betroffenen in eine Improvisation aufgenommen und durch das Widerspiegeln dem Menschen im Wachkoma eine bewusste Wahrnehmung seines Selbst, seiner Regung und folgend die Steuerung dieser Regung ermöglicht werden. Er erhält in der Improvisation die Möglichkeit zur Wahrnehmung eines Anderen, zum Erleben einer Begleitung und durch aktive Veränderung eines Körperausdrucks zum künstlerischen Gestalten einer Begegnung.

 

Musiktherapie kann entscheidend zur Evaluation dieser Potentiale beitragen und darüber hinaus einen wesentlichen Beitrag zu einer Erneuerung des Verständnisses dieses Krankheitsbildes in Medizin und Gesellschaft leisten. Im Prozess der gemeinsamen Improvisation bietet die Musiktherapie dem Betroffenen eine Ebene an, auf der er sich in seiner Eigenkompetenz auf der Basis von Vertrauen und Miteinander in seinen Potentialen und Ausdrucksmöglichkeiten erfahren kann. Dieser musiktherapeutische Ansatz beinhaltet die Möglichkeit der Begegnung mit diesem Sein, dem Bewusst-Sein eines Menschen im Wachkoma. Hier entsteht eine enge Form der Beziehung und Begegnung zwischen dem Geist des Betroffenen und dem Geist des Therapeuten – im Sinne Martin Bubers: „Geist in seiner menschlichen Kundgebung ist Antwort des Menschen an sein Du. ... Geist ist nicht im Ich, sondern zwischen Ich und Du ... Der Mensch lebt im Geist, wenn er seinem Du zu antworten vermag.“