Zum Bewusst-Sein 

Medizinisch wird Bewusstsein in direktem Zusammenhang mit der Funktion des Gehirns als ein von der Großhirnrinde generiertes biologisches Phänomen gesehen. Zugehörig zum Bewusstsein wird die Fähigkeit der Wahrnehmung des Selbst und der Umwelt gezählt und eine Störung dieser Fähigkeit als pathologisch definiert, wobei zwischen qualitativen und quantitativen Bewusstseinsstörungen unterschieden wird. Zu den Qualitäten des Bewusstseins gehören u. a. Wachheit, Orientierung (nach Zeit, Raum u. Person), Aufmerksamkeit, Denkablauf und Merkfähigkeit.

 

Auffallend ist, dass sich durchweg in der medizinischen Literatur keine Definition des Bewusstseins an sich findet. Statt dessen besteht seine Definition in der Umkehrung seiner Defizitbeschreibung. Die Definition bezieht sich also nicht auf seine Existenz, sondern auf das Fehlen pathologischer Bewusstseinsstörungen. Eine erkennbare, erwartete und daher als adäquat geltende Reaktion auf definierte Reizschemata gilt als Nachweis seiner Existenz. Das bedeutet: wer nicht somnolent, soporös oder komatös ist und im Sinne der entsprechenden Stimuli in allen Abstufungen adäquat reagiert, ist ‚bei Bewusstsein’, wer dagegen nicht dem erwarteten Reiz-Reaktions-Schema entspricht, gilt als ‚bewusstseinseingeschränkt’ oder ‚bewusstlos’.

 

Zahlreiche Hirnforscher haben sich in der Tat nicht nur mit der Physiologie des Gehirns, sondern auch mit der Thematik des Bewusstseins auseinandergesetzt. Sie haben dabei die verschiedensten Wege von der Analyse unterschiedlichster bildgebender und elektrophysiologischer Verfahren bis hin zu Diskussionen über einen ‚stream of consciousness’, das Selbstheilungspotential des Gehirns, die Aufgaben des präfrontalen Kortex oder die Quantenmechanik beschritten. Ihnen allen gemeinsam ist, dass sie einen wichtigen Beitrag dazu leisten können, zu erkennen, welche physiologischen Abläufe zu beobachten sind, wenn etwas, das als Bewusstsein bezeichnet werden kann, stattfindet. Aus diesen Erkenntnissen ist aber wissenschaftlich nicht der Umkehrschluss zu ziehen, dass nur bei oder nur aufgrund dieser Existenz Bewusstsein generiert wird. Gemeinsam ist den Neurowissenschaften, dass sie sich nicht in der Lage sehen, dieses Etwas, das Bewusstsein an sich, zu erklären oder zu lokalisieren und in einer Lösung des Problems die bedeutendste wissenschaftliche Entdeckung unserer Zeit sehen.

 

Das Wissen um die Existenz eines Bewusstseins, dass uns als Individuum und als Ich erleben lässt und die Ansicht, das Bewusstsein sei keiner spezifischen Region im Gehirn zuzuordnen, ist heute in den Neurowissenschaften weit verbreitet. Oftmals vermischen sich neurologische, neurophysiologische und neuropsychologische Ansätze. Zufriedenstellend kann das Problem einer Erklärung des Bewusstseins aber derzeit kein Bereich der Neurowissenschaften lösen.   Das Bewusstsein des Menschen ist medizinisch nicht eindeutig zu definieren und mit apparativer Diagnostik nicht nachzuweisen! Nur durch normgerechte Reaktionen des Patienten kann die Existenz seines Bewusstseins bewiesen werden. Eine ‚wissenschaftliche Überprüfung’ kann somit nicht auf die Forderung nach apparativer Diagnostik reduziert werden. Da medizinisch die Existenz des Bewusstseins nicht nachzuweisen ist, müssen im Sinne der gewünschten Wissenserweiterung andere Disziplinen mit einbezogen werden.

 

Versuche einer Umdeutung von Bewusstseinserscheinungen in Ergebnisse kulturell vermittelter Interpretation der Resultate kognitiver Prozesse oder die Diskussion der Ich-Wahrnehmung in einer Differenzierung zwischen ‚Ich’ und ‚Selbst’ erscheinen als Hilfsgriffe, um die Distanz zwischen neurowissenschaftlichem Wissen und der Tatsache, dass jeder einzelne Mensch etwas wahrnimmt, was er als sein Bewusstsein, seine Wahrnehmung seines Ich oder sein eigenes Sein bezeichnet, zu überwinden. Die hier erkennbare Verknüpfung mit geisteswissenschaftlichen Aspekten überrascht nicht. Das in der Antike von Descartes aufgebrachte Körper-Geist-Problem setzt sich in den verschiedensten Schattierungen bis in die heutige Zeit fort. Seine Diskussion wurde zu allen Zeiten zwischen Medizin und Geisteswissenschaften geführt.

 

Feinberg postuliert im Jahre 2002 die persönliche Einmaligkeit des Geistes und Seins jedes einzelnen Organismus als das, was gemeinhin als ‚Seele’ bezeichnet werde. Er kommt zu dem Schluss, die Seele jedes Gehirns sei eine einzigartige, einmalige Sache. Ein Organ oder Blut für Transfusion könne gespendet werden, aber der Sinn für das eigene Selbst besitze eine Realität, die nur von einer Person erfahren werden könne: von jedem selbst.

 

Die Verquickung von Körper und Geist, Gehirn und Seele des Menschen bildet auch in der politischen, juristischen und gesellschaftlichen Diskussion dieser Tage die Kernproblematik: ein Lebensrecht von Menschen im Wachkoma kann nur von denen eingefordert werden, die ihnen die Möglichkeit der Existenz eines Bewusstseins zusprechen. Die unbewiesene medizinische Einschätzung, diese Menschen hätten kein Bewusstsein und keine kognitiven Potentiale führt zwangsläufig zu einer Diskussion um ein ‚End-of-Live’.

 

Bubers Idee von einem Ichbewusstsein, dass sich aus der Beziehung zum gegenüber entwickelt (Der Mensch wird am Du zum Ich) bildet programmatisch die Essenz des Zugangs, der immer wieder von Hannich und Zieger als ‚zwischenmenschlicher Dialogaufbau’ gefordert wird. Dieser Ansatz beschreibt einen Weg, auf den sich Arzt, Therapeut und Pflegende begeben und dessen Ziel das Ich des anderen ist. Es ist die Suche nach der Begegnung mit diesem Bewusst-Sein. Ein Weg des kontinuierlichen Miteinanders, nicht ein vom einzelnen ausgehendes Füreinander im Sinne einer Einbahnstraße. Diese Begegnung kann entsprechend Bubers Idee (Alles wirkliche Leben ist Begegnung) nicht auf eine Handlungsorientierung des Arztes, Therapeuten oder Pflegenden reduziert werden. Gefordert ist die ‚Zwischenleiblichkeit’, die in der hermeneutischen Erkenntnismethode gefordert wird, das Aufeinanderbezogensein.